Zum Arbeiten zwingen oder sich in den Fluss begeben?

Zum Arbeiten zwingen oder sich in den Fluss begeben?

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Heißt ausruhen automatisch faul sein? Wer nichts leistet, ist nichts wert? Weit verbreitete Überzeugungen zur Diskussion gestellt. Bild: © Claire Tardy – pixabay.com #230320

Die Selbständigkeit bringt viele alte Gedankenmuster hoch: Nur wer hart arbeitet, hat Erfolg; Erfolg haben, bedeutet viel Geld verdienen etc. Das sind in unserer westlichen Gesellschaft verbreitete Überzeugungen. Wer anders denkt, gilt automatisch als faul oder naiv.

Mir ist inzwischen klar, dass ich das hohe Arbeitspensum, was ich vor der Elternzeit und in der Elternzeit hatte, jetzt mit Schlafmangel, zwei fordernden Kleinkindern und meiner eigenen noch nicht abgeschlossenen Genesung nicht werde halten können. Und trotz allem ist es schwer, mich von meinen eigenen Ansprüchen zu verabschieden und loszulassen.

Das bringt mich zum Nachdenken. Meine harte Arbeit hat mir super Schul- später dann Studiumsnoten, zwei Stipendien, erst tolle Praktika, dann einen super bezahlten Job gebracht. Sie hat mich auch körperlich und seelisch stark beansprucht. Aber das ist doch normal, wenn man erfolgreich sein will, oder? Oder? So ganz sicher bin ich mir da nicht, aber ich habe eine Ahnung, dass die Antwort darauf für mich nicht zwingend „ja“ ist. Mit zwei kleinen Kindern ist mir auf jeden Fall klar geworden, dass ich diese Art von Belastung nicht aufrecht halten kann und will. Dass ich anders arbeiten möchte.

Die These meiner Mentorin Martha Beck ist diese. Begreife Deine Pflichten als ein Spiel; sei es Arbeiten, Hausarbeit, Sport. Und dann mach es wie die Kinder:

Spiele so lange bis Dir nach ausruhen ist,
dann ruhe Dich aus.
Ruhe Dich so lange aus, bis Dir nach spielen ist.
Dann spiele.
Martha Beck (Übersetzt aus dem Englischen)

Seien wir mal ehrlich. Ich arbeite mit berufstätigen Müttern mit meist kleinen Kindern und ich bin selbst eine. Was haben wir gelacht. Aber wenn ich mal den Zynismus einer Nacht mit fünfundzwanzig Mal geweckt werden zur Seite lege, hat sie nicht doch ein bisschen Recht?

Ich meine klar, auch müde und lustlos kann man sich Routinearbeiten widmen, gar keine Frage. Es ist anstrengend und belastend, aber wenigstens „hat man was geleistet“ und sich damit seine Daseinsberechtigung erkämpft. Oder? Sind wir nicht dann am produktivsten, wenn wir uns so richtig im Fluss befinden? Und stimmt es vielleicht doch, dass wir diese Produktivität und Kreativität in uns bewusst hervor holen können, wenn wir genügend Ruhepausen einbauen und uns die Arbeit so gestalten, dass sie uns Freude bereitet? Für meine Kinder finde ich immer wieder neue Wege, sie so in die anfallenden Hausarbeiten einzubinden, dass sie gerne helfen. Warum nicht für mich selbst?

Ich bin neugierig, was Ihr für Erfahrungen gemacht habt. Erzielt Ihr bessere Ergebnisse, wenn Ihr Euch zum Arbeiten zwingt und fleißig seid? Oder kommt am Ende doch mehr rum, wenn Ihr Eure Bedürfnisse achtet, ausreichend schlaft, Ruhepausen einbaut und viel weniger arbeitet, darauf vertraut, dass Euch der Fluss viel schneller zum Ziel bringt? Und wie schafft Ihr es, das schlechte Gewissen zu bekämpfen, dass ausreichend Ruhepausen okay sind?

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Hannah

Ich schätze, diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten und es erfordert ein wenig Feingefühl. Das ist so meine Erfahrung damit:

Es gibt tatsächlich Zeiten, in denen Handeln angesagt ist, und Zeiten, in denen Ruhen angesagt ist. In welcher Zeit du dich gerade befindest ist eigentlich zunächst mal einfach zu bestimmen.

Ruhen/Fließen lassen ist angesagt, wenn du erschöpft bist, wenn du keinen Drive mehr hast, nicht mehr inspiriert bist und dich eigentlich nur noch zwingen musst. In dieser Zeit solltest du nur das allernötigste machen, aber keine großen Dinge in Angriff nehmen.

Handeln ist meist kein Problem, weil du dich nicht dazu zwingen musst, sondern Feuer und Flamme bist.

Schwierig ist der Übergang. Wenn du nicht merkst, dass du eigentlich erschöpft bist. Oder andersherum, wenn du dich so ausgeruht hast, dass es schwierig ist, deine Energie wieder anzukurbeln.

Und ganz tricky wird es, wenn du Angst vorm Handeln und/oder vorm Ausruhen hast. Und dich selbst austrickst. Dann brauchst du einen Coach. 😉

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Nicole

Puh, das ist eine schwierige Sache dazu Rat zu geben.
Mir gehts ziemlich ähnlich wie dir. Zwei kleine Kinder (3,5 und 2 Jahre), arbeiten 30 Stundenwoche mit 1,5Stunden Fahrtzeit täglich, Haushalt und das andere „Drumherum“. Das schlaucht schon. Ich bin ja dafür, dass frau pro betreuendes Kind einfach eine Woche Urlaubbsanspruch mehr erhält.
Die kann frau dann wirklich zum Ausspannen oder in Ruhe Dinge erledigen, nutzen.
Der normale Alltgaswahnsinn ist einfach manchmal nicht zu schaffen und auch wenn ich mir ab und zu eine Putzfee gönne (dieses Jahr zwei Mal) bin ich hinterher dann doch nicht mit dem Ergebnis zufrieden. Ich hätte hier und da ein wenig intensiver gewischt und nicht wie die Freundin, die bei sich Zuhause ohne Kinder, wöchentlich die Fenster putzt…
Toll nur, wenn sie wenigstens noch mitbekommt, wie das große Kind einen Becher mit Limonade auf den gerade fertig gewischen Boden umkippen lässt. Sicher, nicht absichtlich, aber es war doch gerade erst gewischt!… So dreht sich nun mal das Hamsterrad. Dabei dann relaxt den Lappen wiederholen und aufwischen. Puh.
Es gibt nun leider auch mal Aufgaben, die sich nicht reduzieren lassen oder warten bis man dafür sich genug ausgeruht hat.
Aber versuchsweise da Nein zu sagen, wenn Dinge auch jmd anderes erledigen kann, und sich an der Stelle etwas zurücknehmen und ausruhen wäre nicht schlecht. Ich selber „spare“ mir dann leider meine Hobbies und stelle das zurück. Oder lege Nachtschichten ein mit Dingen, die MIR Spaß machen.
Was aber auf Dauer auch keine Lösung ist.

Wie gesagt, pro Kind eine Extrawoche Urlaub für Mütter, fände ich nicht schlecht. In England fordert ein Professor drei Tage im Monat frei für Menstruationstage der Frau. So weit würde ich nun nicht gehen. Aber eine Woche im Jahr müsste doch für arbeitende Mütter drin sein, oder?

Fleißige Grüße
Nicole

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Birgit Geistbeck

Ich muss schon sehr aufpassen, dass ich Pausen mache. Ich bin nicht der Typ für kleine Pausen zwischendurch, d.h. ich vergesse das oft im Tun und im Flow. Irgendwann zeigt mir dann immer mein Körper, dass es jetzt bitte wieder an der Zeit wäre, eine Pause zu machen.

Ich denke, dass man grundsätzlich effektiver arbeitet, wenn man auf ausreichend Pausen achtet. Ich merke das immer, wenn ich am Vormittag mit dem Hund eine Stunde raus gehe. An sich verlorene Zeit, eine ganze Stunde, die mir in meinem straff gesteckten Vormittag fehlt. Aber eben doch keine verlorene Zeit, weil ich durch die frische Luft und die Bewegung keinen toten Punkt am Vormittag mehr habe und mich nach dem Spaziergang wieder konzentriert an meine Arbeit setzen kann.

@Nicole: Um wirklich zu entspannen, ist es notwendig, dass wir unseren Perfektionismus vor der Wohnungstüre stehen lassen. Mir geht es mit meiner Putzfrau auch manchmal so, dass ich mir hinterher denken „warum hat die das jetzt wieder nicht gesehen“. Aber was wäre die Alternative? Selber machen. Und da mach ich lieber was anderes als putzen.

Lieben Gruß
Birgit

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Elke

Hannah, da bin ich ganz bei Dir. Im Übergang merken, bin ich noch nicht so gut und da unterstützt mich auch mein Coach, denn na klar, habe ich selbst auch einen. 😉 Ich komme auch einfach aus einem ziemlichen Hochleistungs-Umfeld und habe „the glorification of busy“ wie Anette auf Facebook schrieb auch irgendwie genossen. Doch jetzt reichts und irgendwie ist das ja auche eine Chance des selbständig sein. Die Zeiten so zu nutzen, wie es dem eigenen Energielevel entspricht.

Nicole: eine Woche extra-Urlaub pro Kind, das ist mal ein realitätsnaher Vorschlag! Sehr gut!

Birgit: danke Dir. Das geht mir auch so. Und vor allem wenn ich laufen gehe, kommen die Ideen eh von ganz alleine und viel schneller, als wenn ich am Schreibtisch sitzen würde. Aber was machst Du, wenn die Stunde rausgehen mit dem Hund nicht mehr reicht?

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nathalie

Meine zweite Elternzeit ist jetzt ausgelaufen und ab Februar geht der Kleine zur Tagesmutter. Dann hat mich zumindest halbtags der Arbeitsalltag wieder. Und diesmal werde ich es anders machen, als in dem einen Jahr zwischen dem Ende der ersten Elternzeit und der Geburt meines zweiten Sohnes. Ich werde nicht bis zum Anschlag arbeiten. Nicht bis kurz vor knapp auf der Tastatur rumhauen und dann zur Tagesmutter hetzen. Das habe ich einige Monate lang getan. Erst als meine Schwangerschaft mich bremste und zur Ruhe mahnte, habe ich ein Ritual eingeführt: Ich habe immer eine Viertelstunde früher aufgehört zu arbeiten und in Ruhe einen Kaffee getrunken, bevor ich zur Tagesmutter aufgebrochen bin. Das werde ich fortsetzen. Und einmal die Woche vormittags zum Yoga gehen. Eine Stunde. Ohne Kinder. Ohne Arbeit. Ja, ich werde dadurch vielleicht weniger Geld verdienen. Aber Zeit für sich ist unbezahlbar!

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ela

Meine schlimmste Zeit war am Endes des Studiums, drei Kinder daheim (zwei davon Teeanger) + Selbstständigkeit. Da war kein rechter Raum zum Luftholen. Mittlerweile sind zwei schon erwachsen und ausgezogen und ich arbeite freiberuflich. Wenn ich nichts tue, fließt kein Geld, also arbeite ich mit einer stoischen Selbstdisziplin. Was mir hilft ist folgendes:
Prioritäten: Der Haushalt kommt zuletzt. Unter der Woche mache ich das Nötigste, am Sonntag ist Putztag. Da das ein festes Ritual ist räumt auch meine Tochter dann gern ihr Zimmer auf, dekoriert um und wir machen gemeinsam die Wäsche. Fenster putze ich einmal im Jahr, das muss reichen. Wer meine Staubflusen zählen will, bitteschön.
Bewegung: Jeden Morgen eine Stunde im Wald mit dem Hund.
Auszeiten: Auch wenn ich es jahrelang nicht einsehen wollte, mittlerweile gönne ich mir zweimal im Monat (am Papa-Wochenende) einen Chill-Tag. Und da mache ich genau NICHTS. (auch wenn es schwerfällt) Ich liege herum, mache Schläfchen und lese Bücher, esse gut und schaue einen Film. Das hilft ungemein. Aber es hat lange gedauert bis ich diese Strukturen gefestigt hatte, und es war ein manchmal schmerzhafter Weg.
Oft habe ich den Druck verflucht, den ich beständig auf mir fühle. Aber dann dachte einmal: Ohne diesen Druck wärst du nie so weit gekommen! Ich finde es wichtig auch selbst anzuerkennen, was man leistet, und sich selbst Mitgefühl zu schenken. Nicht selbstmitleidig sein, sondern wie eine gute Freundin auf sich sebst schauen.

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Anna

Ja, das ist eine Kunst, im flow zu merken, wann eine Pause oder eine Mahlzeit dran ist und nicht erst, wenn es zu viel oder zu lange war.

Und – wenn man Angst vor etwas Schönem hat, vor etwas das man sich wünscht, dann ist es wichtig, es trotzdem zu tun, auch wenn das Herz bis zum Hals klopft und man sich auch ausruhen könnte. Das Ergebnis ist es wert!

Ja, chill – Tage an Papa-Wochenenden sind etwas Wunderbares, eine echt gute Seite am manchmal ziemlich blöden Alleinerziehenden-Dasein.

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