Ein Streit und der ganze Tag ist im Eimer – oder nicht?

Ein Streit und der ganze Tag ist im Eimer – oder nicht?

Letzte Woche war mal wieder so ein Tag. Bis zuletzt haben wir fröhlich im Garten gespielt und sind dann viel zu spät und müde nach Hause gegangen. Eigentlich hätte ich es besser wissen können, aber sowohl meine Kinder (2 und 4) als auch ich genießen die unbeschwerte Zeit im Grünen viel zu sehr, als dass ich da auf die Uhr gucken mag.

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Bild: © sabinchen – pixabay.com #289284

Als es dann zuhause ums Zähneputzen ging, waren wir alle schon so müde, dass es viel Streitereien und auch Tränen gab. Ich quälte mich durch den Sandmann und die Gute-Nacht-Geschichte und als wir dann im Bett lagen und allen voran ICH schlafen wollte, war mein Großer schon über seinen toten Punkt hinaus.

Er wuselte in unserem großen Bett solange hin und her bis ich ihn irgendwann in scharfem Tonfall in sein Bett schickte.

Traurig und geknickt fügte er sich nach dem dritten Schimpfen und schlief dort auch bald ein.

Als es endlich ruhig um mich wurde, lag ich im Bett neben meiner kleinen Tochter und spürte, wie all die Liebe in mich zurück strömte, die ich für meine Kinder empfinde. Die in den anstrengendsten Momenten verschwunden scheint und dann wenn sie schlafen sofort zurück kommt.

Und da ist es: das Schuldgefühl. Das letzte was mein Sohn von mir gehört hat, bevor er einschlief, war mein Geschimpfe. Ich blicke auf ihn runter und fühle mich beschissen. Ich streichle sein Haar, küsse ihn und flüstere, wie sehr ich ihn liebe. Und doch muss ich damit leben, dass ich meine Worte nicht zurück nehmen kann.

Kennt Ihr das, dass dann nur dieses Schuldgefühl haften bleibt und der wunderschöne Rest des Tages auf einmal in Vergessenheit gerät? Das Gefühl aufkommt, dass wir in dem Versuch alles unter einen Hut zu kriegen, eine schreckliche Mutter sind.

So ein Quatsch!

Aber Gefühle sind nun einmal nicht rational.

Und dann kam mir eine Geschichte in den Sinn aus einem Buch, was ich gerade lese: Die Kuh, die weinte – Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück von Ajahn Brahm.

In der Geschichte geht es um einen buddhistischen Mönch, der die Mauern für ihr neues Kloster selbst errichten muss, weil sie kein Geld haben um die Bauarbeiter zu bezahlen. Er lernt das Handwerk sehr passabel und errichtet eine wunderschöne und gerade Mauer. Erst als er fertig ist, stellt er fest, dass zwei Backsteine schief geworden sind. Der Mönch ist sehr erbost darüber und möchte die Mauer am liebsten einreißen, doch sein Abt verbietet es ihm.

Noch viele Jahre später macht er bei jeder Führung des Klosters um diese Mauer einen weiten Bogen, weil die zwei fehlerhaften Steine ihn so wurmen. Bis eines Tages ein Besucher darauf besteht auch diesen Teil des Klosters anzuschauen. Daraufhin sagt er zu dem Mönch: „Na das ist aber eine schöne Mauer!“ Der Mönch ist sehr erstaunt und fragt, ob er denn nicht die zwei missratenen Steine sehen würde. Aufgeweckt hat ihn dann diese Antwort:

Doch, die sehe ich. Und ich sehe 998 wunderbar gelungene Steine.

Erst da konnte der Mönch sehen, dass er 998 exakt gerade Steine gemauert hatte und nur zwei davon schief geworden waren. Und so sind auch wir Menschen. Jeder hat seine kleinen Fehler. Wir selbst entscheiden darüber, ob wir uns auf die 2% Fehler konzentrieren wollen und zulassen, dass die 98% Wunder für uns unsichtbar werden.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf habe ich mir dann am nächsten Morgen bewusst Zeit genommen, mit meinem Großen zu kuscheln. Und wir haben gemeinsam überlegt, was der gestrige Tag alles gebracht hat: die warme Sonne, die man auf der Haut spürt, wenn man in kurzen Sachen draußen spielen kann. Das Planschen im Wasser. Das liebevoll von mir hergerichtete Picknick, viel Lachen und Erzählen. Das gemeinsam Kuscheln beim Buchlesen und noch so viele Momente mehr.

Ja, es gibt sie, diese unperfekten Momente. Doch es gibt auch all die anderen.

Kannst Du Dir selbst Deine Fehler zugestehen und trotzdem all das, was Du wunderbar machst, sehen? Wenn Du magst, erzähl mir davon in den Kommentaren.

{ 4 comments… read them below or add one }

Manuela

Das ist wohl einer der größten Herausforderungen – und nicht nur bei uns selbst, auch bei den Menschen um uns herum sticht das vermeintlich Schlechte besonders ins Auge. Eine gute Übung, den Blickwinkel zu verändern, das gelingt am besten mit täglicher Übung. Das mit dem schlechten Gewissen kenne ich natürlich auch…aber auch Ärger und Fehler gehören ja zum Menschsein. LG!

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Birgit Geistbeck

Eine wunderbare Geschichte, Elke (das Buch hab ich mir übrigens gleich bestellt 😉 ).

Und diese Situation kenne ich – auch wenn unsere Tochter inzwischen 12 Jahre alt ist – immer noch zu gut, auch das schlechte Gewissen, mit dem all das ganze andere Schöne dahin ist.

Du hast das wunderbar gelöst, indem du mit deinem Sohn am nächsten Tag das Schöne des vergangenen Tages noch einmal Revue passieren lassen hast.

Meine Fehler kann ich mir inzwischen ganz gut zugestehen, und oft gelingt es mir auch, mich nur kurz zu ärgern, und den Rest davon unbeeinflusst zu lassen.

Lieben Gruß
Birgit

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Monika Fuhrig

Liebe Frau Peetz,

wouw, eine wundervolle Geschichte… die mit dem Mönch. 🙂
Und Ihre eigene ist noch viel wundervoller, finde ich. Da ich Sie und die beiden Kinder kenne, sehe ich das Ganze sehr lebhaft vor meinem inneren Auge. Danke schön, vielen Dank für Ihre Offenheit.

Sie sind eine wunderbare Mutter.

Mit lieben Grüßen, aus Michelstadt, von

Monika Fuhrig

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Susanne

Eine tolle Geschichte und ich habe vergleichbare Situationen oft genug selbst erlebt (mit 4 Kindern zwischen 6 und 11 Jahren). Ja, der Blick auf das Positive! Das ist eine Übung, zu der uns das Leben täglich einlädt – und die uns dank solcher Erinnerungen leichter fällt.
Vielen Dank, liebe Elke!

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