Eine Selbständigkeit ist nichts für Jedermann. Ein Interview mit Alexandra Bongardt.

Eine Selbständigkeit ist nichts für Jedermann. Ein Interview mit Alexandra Bongardt.

Alexandra Bongardt ist seit 8 Jahren selbständige Projektleiterin bei Bongardt Projektmanagement und Methodik und Mutter von 2 Kindern im Alter von 5 und 10. Sie lebt mit ihrem Mann in einem Dorf in der Schweiz an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich.

Liebe Alexandra, Du bist promovierte Ingenieurin mit langjähriger Führungserfahrung. Vor 8 Jahren hast Du Dich schließlich selbständig gemacht als Projektleiterin. Was hat Dich zu diesem Schritt gebracht?

Alexandra B_300Alexandra: Ich hatte schon immer ein grosses Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit. Im Ingenieurbereich in von Männern und Macht geprägten Konzernstrukturen zu arbeiten, war für mich ein interessantes Erlebnis und ein riesiges Lernfeld, aber nie eine dauerhafte Befriedigung mit dem Wunsch nach mehr davon.

Als wir auf unser erstes Adoptivkind warteten, wurde mir klar, dass es in der Industrie für mich keine Teilzeitlösungen geben würde. Das Umfeld war noch nicht soweit. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine Ausbildung in Coaching und Organisationsentwicklung angefangen, um für die Selbständigkeit besser gerüstet zu sein. Da die Wartezeit auf das Kind absolut unkalkulierbar war, entschloss ich mich, den Schritt rechtzeitig zu wagen und hatte dann auch noch etwa 1,5 Jahre Zeit bis wir unseren ersten Sohn abholen durften.

Wie habt Ihr in Eurer Familie die Arbeitsteilung organisiert?

Alexandra: Als wir zusammenzogen (ohne Kinder), überlegten wir bereits gemeinsam, wie wir uns organisieren. Da wir beide sehr ungern putzen und saugen, engagierten wir eine Reinigungskraft. Das haben wir mit zwei Unterbrechungen bis heute so beibehalten.

Mein Mann kann grundsätzlich alles mit Haushalt und Kindern, was ich kann – mit etwas anderen Schwerpunkten. Er legt Wert darauf, selbständig zu agieren und nicht als „Hilfe“. Wir haben viele Routinen und „Standards“, die uns den Alltag erleichtern. Mein Mann geht zum Beispiel zu allen Elterngesprächen in der Schule, da er weniger emotional reagiert als ich und gelassener mit schlechten Nachrichten umgeht. Ich dagegen koche in der Regel, da mich der kreative Anteil beim Kochen anspricht und ich gerne schöne Lebensmittel kaufe.

Die Kinderbetreuung mit Kita, Tagesmutter und Hort ist hier in der Schweiz zwar teuer, hat jedoch einen hohen Qualitätsstandard.

Wir sind hier ein gutes Team, was für meine Begriffe das Wichtigste ist. Jeder hat seine Aufgaben, kann aber nach Bedarf flexibel reagieren. Trotzdem muss man noch viel absprechen und es geht auch immer wieder etwas schief. Darüber können wir mittlerweile lachen.

Es hilft auch, dass wir nicht mehr jung sind und uns die Hörner schon ein wenig abgestossen haben.

Die meisten berufstätigen Mütter sehnen sich nach mehr Flexibilität und selbstbestimmterem Arbeiten. Für viele ist daher die Selbständigkeit eine attraktive Alternative. Auch wenn sie vielleicht VOR ihren Kindern gar nicht an der Gründung ihres eigenen Unternehmens interessiert waren. Du kennst beide Welten – als Angestellte und Selbständige – in verantwortungsvollen Positionen. Ist die Selbständigkeit DIE Lösung für Mütter mit kleinen Kindern?

Alexandra: Selbständigkeit ist immer eine individuelle Lösung für den Einzelfall. Ich meine nicht, dass jede Mama ihr Glück durch die Selbständigkeit finden wird. Dafür ist jedes Leben von zu vielen individuellen Einflussfaktoren und Ressourcen geprägt.

Es lohnt sich jedoch immer, den eigenen individuellen Fall im Hinblick auf eine Selbständigkeit zu prüfen.

Unter welchen Umständen hältst Du eine Selbständigkeit für ein lohnenswertes Projekt? Wem würdest Du davon abraten?

Alexandra: In vielen Berufsgruppen ist Selbständigkeit gängig wie z. B. Steuerberaterin oder Physiotherapeutin. Im Pflege- und Sozialbereich sowie als Lehrerin ist dagegen Teilzeitarbeit ein gängiges Modell.

Am einfachsten ist es in der empfindlichen Phase mit kleinen Kindern,
wenn man Modelle wählt, die gebräuchlich sind
und nicht gegen den Strom schwimmt.
Der Familienalltag mit seinen großen und kleinen Hürden reicht.
Alexandra Bongardt

Wenn ein regelmäßiges Einkommen dringend gebraucht wird, ist eine Anstellung oft die komfortablere Lösung. Wenn jedoch sowieso ein Wechsel anstand, die Selbstverwirklichung im Vordergrund steht, ein Partner mit festem Einkommen vorhanden ist, ein starkes Bedürfnis besteht, unabhängig zu sein oder sogar in der Familie ein unternehmerischer Hintergrund vorhanden ist, dann ist die Selbständigkeit eine sehr gute Lösung.

Wie lange hast Du gebraucht, bis Du mit Deinem Unternehmen ähnlich viel verdient hast, wie zuvor als Angestellte? Welches Wissen würdest Du heute gerne Deinem 8 Jahre jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Alexandra: Ich habe es zuerst mit einem Geschäftspartner versucht und musste nach ca. 3 Monaten erkennen, dass es nicht funktioniert. Danach habe ich mich sofort als freie Mitarbeiterin in einer kleinen Beratungsgesellschaft engagieren lassen. Nach einem guten halben Jahr verdiente ich wieder so viel wie vorher entsprechend dem prozentualen Anteil meiner Arbeitszeit. Die ersten eigenen Aufträge kamen erst viel später.

Meine Tipps für angehende Unternehmerinnen:

  • Lies Dich schlau! Informiere Dich über die Selbständigkeit so viel wie Du kannst, auf Startup-Events, bei anderen Unternehmern und im Internet. Dieses Wissen kann man sich in der freien Zeit am Abend oder am Wochenende aneignen.
  • Probiere etwas aus, risikoarm und im Kleinen wenn möglich! Generiere einen Auftrag im nahen Umfeld von Freunden und Bekannten, vielleicht sogar umsonst, um zu lernen und erste Referenzen zu haben. Teste vor allem Deine Fähigkeiten in der Akquise! Macht das wirklich Spaß?
  • Lege rechtzeitig Ersparnisse an im Familienbudget für Kinderbetreuung und eventuell eine Haushaltshilfe, am besten für mehr als ein Jahr. Sonst reibst Du Dich auf und das hilft niemandem, am wenigsten Dir und Deiner Familie. Und dann lass auch los!!!

Liebe Alexandra, vielen Dank für das spannende Interview und Deine wertvollen Erfahrungen!

Hier erfährst Du mehr über Alexandra und Bongardt Projektmanagement und Methodik. Wenn Du Fragen an uns hast oder uns an Deinen Erfahrungen zu dem Thema teilhaben lassen möchtest, lass uns einen Kommentar hier.

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